Vom Container zum Zuhause
Im Januar legt sich die Kälte wie ein schwerer Vorhang über Gjumri. Wenn das Thermometer auf bis zu minus 40°C fällt, knistert die Luft, und die dünnen Metallwände der alten Wohncontainer werden zu eisigen Flächen, die jede Wärme aus den Räumen saugen.
Seit 1988 leben hier noch immer Hunderte Menschen in diesen Behelfsunterkünften. Viele versuchen, die Kälte mit improvisierten Lösungen abzuwehren. Einige haben begonnen, ihre Container Stück für Stück mit Tuffstein zu ummanteln – ein zähes, körperlich anstrengendes Unterfangen, das Geld kostet, Zeit, und oft auch Mut.
Baruuir weiß, was dieser Umbau bedeutet. Sein Container steht am Rand eines Schlammwegs, zwei Wände bereits mit Steinziegeln verstärkt, die anderen noch roh und frostkalt. Auf dem Boden liegt feiner Staub, die Luft riecht nach Zement und Kohlefeuer.
„Wenn ich in Sibirien arbeite, frieren uns manchmal die Wimpern zusammen“, sagt er und blickt auf seine Hände, die vom Winter gezeichnet sind. „Aber dort verdiene ich genug, um hier weiterzumachen.“
Mehrere Monate im Jahr schuftet er im Dunkeln, oft bei Temperaturen, die kaum höher sind als in Gjumri. Das verdiente Geld trägt seine ganze Familie: seine Frau, die Kinder, die Eltern und sogar seine Geschwister.
Doch nicht jede Familie kann sich solche Einsätze leisten – oder aushalten. Ganz besonders schwer trifft es Frauen, die allein für ihre Kinder sorgen. Einige leben mit ihren Enkelkindern zusammen, weil die Eltern ausgewandert sind oder Arbeit im Ausland suchen. Die Großmütter heizen oft nur ein einziges Zimmer, wenn überhaupt. Manchmal reicht das Geld nicht einmal für Brennholz.
„Wenn der Wind stark ist, fühlt es sich an, als würde er direkt durch die Wände gehen“, erzählt eine ältere Frau. Ihre Enkel schlafen im Winter in Jacken und Wollmützen, damit sie nachts nicht auskühlen.
Seit 2017 unterstützt NAK-karitativ Familien in Gjumri dabei, ihre Wohncontainer in sichere, wärmere Häuser zu verwandeln. Indem isolierte Fenster eingesetzt, Dächer abgedichtet und Tuffsteine (diese isolieren besonders gut) verbaut werden, entsteht ein Raum, der nicht nur schützt, sondern den Menschen auch die Würde zurückgibt, die lange hinter Metallwänden verborgen war.
Flexibilität gefragt
Viele Entwicklungsorganisationen, die einst in Gjumri aktiv waren, haben die Region inzwischen verlassen. Zu unübersichtlich sind die Eigentumsverhältnisse in den Containergebieten, zu groß das Risiko, dass Familien eines Tages aufgefordert werden, das Grundstück zu räumen, auf dem sie seit Jahrzehnten leben. Für diese Menschen bedeutet das: Sie sollen ihr Zuhause verbessern – ohne zu wissen, ob es morgen noch ihres ist.
NAK-karitativ begegnet dieser Realität mit viel Flexibilität. Jede Familie wird einzeln betrachtet: ihre Geschichte, der Zustand ihres Containers, die Lage des Grundstücks. Große Bauvorhaben würden hier scheitern – aber Schritt für Schritt entstehen Lösungen, die sich an das Leben der Menschen anpassen, nicht umgekehrt.
Seit 2017 konnten auf diese Weise bereits 34 Familien ihre Unterkünfte verbessern.
Steine stabilisieren die Außenwände, neue Fenster halten den Winter draußen, Dächer und Böden werden erneuert.
Für die Menschen in den Containervierteln bedeutet jeder dieser Schritte mehr als eine bauliche Veränderung. Es ist ein Moment, in dem Hoffnung Form annimmt – Stein, Fenster, Dach.
Ein Moment, der zeigt, dass selbst in einer Stadt, die seit Jahrzehnten vom Erdbeben gezeichnet ist, Wärme und Würde wieder Platz finden können.
Überblick über unsere Aktivitäten
- Bereitstellung von Baumaterialien
Familien erhalten Materialien wie Tuffsteine (diese isolieren besonder gut), Zement oder andere Baustoffe, um ihre maroden Wohncontainer Schritt für Schritt in stabilere, wärmere Unterkünfte zu verwandeln. - Verbesserung der Isolation
Durch den Einbau isolierter Fenster und Türen bleibt mehr Wärme im Raum. Das schützt besonders Kinder und ältere Menschen vor der extremen Winterkälte. - Individuelle Unterstützung abhängig von der Grundstückssituation
Da Eigentumsrechte in den Containergebieten oft unklar sind, wird jede Familie einzeln betrachtet. Lösungen werden so gewählt, dass sie trotz unsicherer Grundstückslage umsetzbar und sinnvoll bleiben. - Langfristige Wirkung
Seit 2017 konnten so 34 Familien ihre Wohnbedingungen spürbar verbessern und ein dauerhaft wärmeres, gesünderes Zuhause aufbauen.





